HTC bringt künstliche Intelligenz direkt vor die Augen – allerdings anders, als man es zunächst erwarten könnte. Mit der VIVE Eagle startet eine neue KI-Smartbrille in Deutschland, die bewusst auf ein Display im Sichtfeld verzichtet. Stattdessen kombiniert HTC eine 12-Megapixel-Kamera, Open-Ear-Lautsprecher, Mikrofone und einen Sprachassistenten mit aktuellen KI-Diensten.
Die VIVE Eagle soll dadurch weniger wie ein Computer vor dem Gesicht und mehr wie eine gewöhnliche Brille wirken. Fotos und Videos lassen sich freihändig aufnehmen, Texte und die Umgebung können mithilfe der Kamera analysiert werden und für komplexere KI-Anfragen unterstützt VIVE AI unter anderem Google Gemini und OpenAI ChatGPT.
Mit einem Einstiegspreis von 469 Euro positioniert HTC die VIVE Eagle allerdings klar oberhalb eines gewöhnlichen Wearables. Dafür verspricht der Hersteller neben umfangreichen KI-Funktionen einen besonderen Fokus auf Datenschutz.
KI-Brille ohne Display
Wer bei einer Smartbrille automatisch an eingeblendete Navigationspfeile, Nachrichten oder virtuelle Monitore denkt, muss bei der VIVE Eagle umdenken. In den Gläsern befindet sich kein Display.
Die Interaktion erfolgt stattdessen hauptsächlich über Sprache, Audio und die integrierte Kamera. Zusätzlich befinden sich ein Touchpad, eine Aufnahmetaste sowie eine kombinierte Ein-/Aus- und KI-Taste an der Brille.
Das reduziert zwar die Möglichkeiten gegenüber echten Augmented-Reality-Brillen, ermöglicht dafür aber ein wesentlich dezenteres und leichteres Design.
Snapdragon AR1 Gen 1 bildet die technische Basis
Im Inneren arbeitet Qualcomms Snapdragon AR1 Gen 1, eine speziell für Smart Glasses entwickelte Plattform.
HTC kombiniert den Chip mit 4 GB Arbeitsspeicher und 32 GB internem Speicher. Die Brille kommuniziert über Wi-Fi 6E und Bluetooth 5.3 und benötigt für den vollständigen Funktionsumfang ein kompatibles Smartphone.
Unterstützt werden iPhones ab iOS 17.6 sowie Android-Smartphones ab Android 10.
12-Megapixel-Kamera nimmt Videos in 3K auf
Ein zentraler Bestandteil der VIVE Eagle ist die integrierte 12-Megapixel-Ultraweitwinkelkamera. Sie nimmt Fotos mit 3024 × 4032 Pixeln auf.
Videos werden mit bis zu 2176 × 2944 Pixeln bei 30 Bildern pro Sekunde aufgezeichnet. HTC bezeichnet diese Auflösung als 3K.
Dadurch lassen sich Situationen direkt aus der Perspektive des Trägers festhalten, ohne zunächst ein Smartphone oder eine Kamera hervorholen zu müssen. Gerade bei Reisen, Spaziergängen, Veranstaltungen oder kurzen Social-Media-Aufnahmen könnte das interessant sein.
Auch Zeitlupenaufnahmen werden unterstützt. Normale Videoaufnahmen sind standardmäßig auf drei Minuten begrenzt und können auf bis zu zehn Minuten pro Aufnahme erweitert werden.
Die KI kann sehen, was der Nutzer sieht
Die Kamera dient allerdings nicht ausschließlich zum Fotografieren und Filmen. Sie bildet gleichzeitig die Augen des integrierten KI-Assistenten.
Dadurch kann die VIVE Eagle beispielsweise Objekte oder Situationen analysieren, Informationen über die Umgebung liefern und fremdsprachige Texte erfassen.
Gerade auf Reisen könnte sich daraus einer der interessantesten Einsatzzwecke ergeben: Statt ein Smartphone herauszuholen und eine Übersetzungs-App zu öffnen, soll es ausreichen, einen Text anzusehen und die KI danach zu fragen.
Gemini und ChatGPT direkt über die Brille
HTC bindet die VIVE Eagle nicht ausschließlich an ein einzelnes KI-Ökosystem. Abhängig von Region und Verfügbarkeit unterstützt VIVE AI Dienste auf Basis von Google Gemini und OpenAI ChatGPT.
Für alltägliche Aufgaben können Nutzer per Sprache mit der Brille interagieren. Auch der Sprachassistent eines verbundenen Smartphones kann eingebunden werden.
Damit lassen sich beispielsweise Anrufe starten, Erinnerungen erstellen, Termine verwalten, Musik steuern oder unterstützte Navigationsfunktionen aufrufen, während das Smartphone in der Tasche bleibt.
Welche KI-Dienste und Funktionen tatsächlich zur Verfügung stehen, kann von Region, Smartphone, Betriebssystem und Softwareversion abhängen.
VIVE AI Notes macht aus Gesprächen Zusammenfassungen
Mit VIVE AI Notes geht HTC noch einen Schritt weiter. Gespräche, Vorträge oder Meetings können aufgezeichnet und anschließend transkribiert werden.
Die Software kann verschiedene Sprecher unterscheiden und aus dem aufgezeichneten Gespräch eine Zusammenfassung erstellen.
Damit könnte sich die Eagle neben klassischen Consumer-Anwendungen auch für Interviews, Besprechungen oder Veranstaltungen eignen. Bei Audio- und Videoaufzeichnungen müssen selbstverständlich die geltenden gesetzlichen Vorgaben und Persönlichkeitsrechte beachtet werden.
Vier Mikrofone und Open-Ear-Stereo
Für Sprache und Telefonate verwendet HTC insgesamt vier Mikrofone. Das Beamforming-Array besteht aus einem gerichteten und drei omnidirektionalen Mikrofonen.
Für die Wiedergabe stehen zwei Open-Ear-Stereolautsprecher mit Bassverstärkung bereit. Die Ohren bleiben dadurch frei und Umgebungsgeräusche weiterhin wahrnehmbar.
Musik, Telefonate, Übersetzungen und Antworten des KI-Assistenten können somit direkt über die Brille ausgegeben werden, ohne zusätzliche Kopfhörer tragen zu müssen.
Datenschutz soll ein wichtiges Verkaufsargument werden
Eine Kamera, die permanent am Kopf getragen wird, wirft zwangsläufig Fragen zum Datenschutz auf. HTC versucht deshalb, genau diesen Punkt zu einem der wichtigsten Merkmale der VIVE Eagle zu machen.
Während einer Aufnahme blinkt eine deutlich sichtbare LED. Wird diese Aufnahme-LED verdeckt, soll die Kamera automatisch deaktiviert werden. Auch wenn die Brille abgenommen wird, steht die Aufnahmefunktion nicht zur Verfügung.
Damit soll verhindert werden, dass Nutzer die optische Aufnahmeanzeige einfach abkleben und anschließend unbemerkt weiterfilmen.
HTC schützt auch die KI-Daten
HTC verfolgt bei den KI-Funktionen ebenfalls einen datenschutzorientierten Ansatz. Anfragen sollen de-identifiziert werden, bevor sie an unterstützte externe KI-Dienste weitergeleitet werden.
VIVE AI ist laut HTC nach ISO/IEC 27001 und ISO/IEC 27701 für Informationssicherheits- und Datenschutzmanagement zertifiziert.
Lokale Daten und VIVE AI Notes werden zudem mit AES-256-Verschlüsselung geschützt. HTC erklärt außerdem, dass entsprechende Daten nicht zum Training von VIVE AI verwendet werden.
Das bedeutet allerdings nicht, dass sämtliche KI-Funktionen ausschließlich lokal auf der Brille ausgeführt werden. Für verschiedene Funktionen werden eine Internetverbindung und externe Dienste benötigt.
Nur rund 49 Gramm schwer
Damit eine Smartbrille im Alltag funktioniert, darf sie nicht das Gefühl vermitteln, klassische Computerhardware auf der Nase zu tragen.
Die Pantos-Version wiegt 48,5 Gramm, während HTC für die Square-Ausführung 49 Gramm inklusive Gläsern angibt.
Zusätzlich besitzt die VIVE Eagle eine IP54-Zertifizierung und ist damit gegen Staub sowie Spritzwasser geschützt.
ZEISS-Gläser und zwei Rahmenformen
HTC bietet die VIVE Eagle in den beiden Rahmenformen Pantos und Square an.
Bei den Gläsern arbeitet HTC mit ZEISS zusammen. Zur Auswahl gehören unter anderem UV400-Sonnenbrillengläser, klare UV400-Blaulichtfilter-Gläser und UV380 AdaptiveSun-Gläser.
Damit soll sich die Eagle stärker wie eine normale Brille beziehungsweise Sonnenbrille in den Alltag integrieren lassen und weniger wie ein klassisches Technik-Gadget wirken.
235-mAh-Akku mit Schnellladefunktion
Im schlanken Rahmen steckt ein 235-mAh-Akku. HTC gibt mehr als 36 Stunden Standby-Zeit und bis zu 4,5 Stunden kontinuierliche Musikwiedergabe an.
Bei durchgehenden Sprachanrufen sollen mehr als drei Stunden möglich sein.
Besonders interessant ist die Schnellladefunktion. Innerhalb von zehn Minuten soll der Akkustand von einem auf 50 Prozent steigen. Nach rund 23 Minuten sollen bereits 80 Prozent erreicht sein.
Geladen wird über ein magnetisches Ladekabel.
VIVE Eagle startet ab 469 Euro
Die HTC VIVE Eagle ist ab dem 21. September 2026 in Deutschland erhältlich. Der Einstiegspreis liegt bei 469 Euro.
Damit bewegt sich HTC klar im Premiumsegment der aktuellen Smart Glasses. Entscheidend wird deshalb sein, ob die Kombination aus Kamera, Open-Ear-Audio und KI im Alltag genügend Situationen bietet, in denen Nutzer tatsächlich weniger häufig zum Smartphone greifen müssen.
Unsere Einschätzung
Die VIVE Eagle verfolgt einen interessanten Ansatz. HTC versucht nicht, ein möglichst komplexes AR-Display in eine Brille zu integrieren, sondern konzentriert sich auf Funktionen, die sich schon heute relativ unauffällig umsetzen lassen.
Besonders spannend erscheint die Verbindung aus Kamera und KI. Eine Sehenswürdigkeit erkennen, einen fremdsprachigen Text übersetzen, Informationen zur Umgebung abrufen oder einen Moment aufnehmen, ohne zuerst das Smartphone hervorzuholen – genau in solchen Situationen könnte eine KI-Brille tatsächlich einen praktischen Vorteil bieten.
Gleichzeitig bleiben entscheidende Fragen, die sich erst in einem ausführlichen Praxistest beantworten lassen. Wie gut versteht VIVE AI Sprache in lauter Umgebung? Wie zuverlässig funktionieren visuelle Anfragen? Wie brauchbar sind Gemini und ChatGPT direkt über die Brille? Und wie lange hält der Akku bei intensiver KI- und Kameranutzung tatsächlich durch?
Ebenso interessant wird der Datenschutz. HTC hat dafür mehrere Schutzmechanismen integriert. Ob die Aufnahme-LED im Alltag deutlich genug erkennbar ist und wie transparent die Datenverarbeitung tatsächlich funktioniert, gehört für uns deshalb genauso zu einem möglichen Test wie Kamera- oder Audioqualität.
Die VIVE Eagle könnte damit zu einem der interessanteren KI-Wearables des Jahres werden – gerade weil sie nicht versucht, das Smartphone vollständig zu ersetzen, sondern dessen Funktionen möglichst unauffällig zu ergänzen.